Von Barcamps und Werkstätten – Schulentwicklung partizipativ gestalten

Auch in Baden-Württemberg neigt sich das Schuljahr nun dem Ende zu. In diesem Jahr durfte ich mit verschiedensten Kollegien Barcamps und „Werkstätten“ miterleben und durchführen. Dafür bin ich sehr dankbar. Gerne möchte ich ein paar meiner Eindrücke und Gedanken hier teilen.

Dejan Mihajlovic hat im vergangenen Jahr einen Blogartikel über Barcamps geschrieben und darin erklärt, warum man nur ein echtes Barcamp auch Barcamp nennen sollte. (Nachzulesen ist das hier.)

Anknüpfend an diese Gedanken, habe ich an vielen Orten dieses Jahr sogenannte „Werkstätten“ durchgeführt. Werkstätten funktionieren ähnlich wie Barcamps, sie befolgen jedoch nicht alle Barcampregeln.

Gerade wenn man sich mit einem Kollegium auf den Weg macht, das noch nie ein Barcamp durchgeführt hat, erschien es mir wichtig, nicht „mit der Brechstange“ alles auf den Kopf zu stellen.

Einen pädagogischen Tag „ohne Programm“ zu planen, war allein schon eine große Herausforderung und forderte von manchen ein großes Vertrauen und Zutrauen.

Folgende Regeln haben wir deshalb im ersten Moment außen vor gelassen:

  • Auf einem Barcamp wird geduzt.
  • Es gibt einen Hashtag, mit dem im Netz über das Barcamp gesprochen wird.

Ja, das Barcamp-DU kann Großartiges bewirken und ist auch für mich Ausdruck der Kultur, die sich hinter der Barcamp-Idee verwirklicht. Dennoch hatte ich meine Gründe, an verschiedenen Stellen darauf zu verzichten. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Eine Haltung des Teilgeber*innen-Seins wurde auch auf unseren Werkstätten erlebbar.

Da ich selbst bekanntermaßen auf Twitter und Instagram unterwegs bin, ist für mich die Verwendung von Hashtags selbstverständlich und SocialMedia ein Umfeld, das ich gerne für Vernetzung und meine persönliche Weiterbildung nutze. Es ist jedoch ein ganz eigenes Feld, eine eigene Dimension, die da hinzukommt.

Bei Barcamps hat der Hashtag die Funktion, dass auch Menschen, die nicht im Raum sind, teilhaben können. Bei einem pädagogischen Tag ist es an manchen Orten bereits ein großer Schritt, dass Protokolle dieselbe Struktur haben und von allen leicht eingesehen werden können. Somit war ich an dieser Stelle mehr als zufrieden damit, dass alle Sessions dokumentiert und den Kollegien zugänglich gemacht wurden.

Wir haben aber nicht nur Regeln weggelassen, sondern auch Regeln dazu genommen.

  • Sessions können bereits im Vorfeld eingereicht werden.
  • Am Ende einer Werkstatt gibt es eine strukturierte Abschlussphase.

Das Thema Vertrauen und Zutrauen habe ich bereits geschrieben. Dass Sessions bzw. „Werkstattangebote“ bereits im Vorfeld eingereicht werden können und zum Beispiel in einem gemeinsamen Textdokument oder auf TaskCard veröffentlicht werden, kann dazu beitragen, dass sich die Kolleg*innen bereits im Vorfeld Gedanken machen und evtl. entsprechende Materialien und Beispiele mitbringen. Außerdem gibt es denjenigen Sicherheit, dxie sich im Vorfeld nicht vorstellen können, wie man ein komplettes Tagesprogramm spontan erstellen und füllen kann.

Die letzte „Regel“ ist mir besonders wichtig. Das war mein eigener Lernweg in diesem Schuljahr.

Als begeisterte Barcamperin hatte ich in der Vergangenheit viele Barcamps besucht, bei denen Menschen (kleine und große) aus allen Himmelsrichtungen zusammengekommen waren, um gemeinsam am Barcamp teilzunehmen.

Bei solchen Barcamps ist es völlig normal, dass die Sessionergebnisse so stehen bleiben und in den meisten Fällen auch nicht weiterverfolgt werden. Jede*r nimmt ins eigene System und das eigene Umfeld das mit, was bedeutsam erschien.

Umso mehr freue ich mich nach solchen Barcamps, wenn Wochen oder Monate später jemand noch einmal an eine Session anknüpft und erzählt, was aus den Impulsen entstanden ist.

Manchmal entstehen auch aus Sessions oder gar Kaffeepausen echte große Projekte. Das Sketchnotegame und dieser Blog sind das beste Beispiel dafür.

Wenn Barcamps oder Werkstätten im Kontext von pädagogischen Tagen mit einer festen Gruppe durchgeführt werden, erschien mir diese Offenheit nicht ausreichend.

Ein pädagogischer Tag ist doch im besten Fall immer eingebettet in einen größeren Schulentwicklungskontext.

Gleichzeitig kennen wir alle diese pädagogischen Tage, an deren Ende für zig neue Arbeitsgruppen Menschen gefunden werden müssen. Die Herausforderung besteht dann darin, die „richtige“ Arbeit im Schulalltag unterzubringen. Für manche ist genau dieses Szenario ein echtes Schreckensszenario pädagogischer Tage. – Alternativ sind pädagogische Tage, Tage an denen viele bunte Zettelchen beschrieben werden und anschließend gar nichts passiert. Beide Szenarien sind für die Schulentwicklung wenig hilfreich.

So haben wir viele Werkstätten in diesem Jahr auf andere Art und Weise beendet – und zwar mit folgenden drei Impulsen:

  • Welche Ressourcen und Kompetenzen wurden heute sichtbar und erlebbar?
  • Woran/an welchen Themen wollen wir weiterarbeiten?
  • Fazit/Was ich noch zu sagen hätte…

Der erste Impuls ist für mich vor allem deshalb wichtig und wertvoll, da Barcamps und Werkstätten wie kein anderes Format Ressourcen und Kompetenzen erfahrbar werden lassen. Vor allem, wenn man zum ersten Mal an einem solchen Format teilnimmt, ist das für viele absolut überraschend und eine echte Erfahrung. Um genau dies auch noch einmal explizit und sichtbar werden zu lassen, ist mir dieser Impuls so bedeutsam. Die dabei entstehende Sammlung kann in einem Kollegium auch über den pädagogischen Tag hinaus Ressourcen und Kompetenzen sichtbar machen, die für den weiteren Schulalltag und Schulentwicklungsprojekte wertvoll sind.

„An welchen Themen wollen wir weiterarbeiten?“ – Bei dieser Frage war und ist es mir wichtig, dass hier nur Themen genannt werden und explizit keine Arbeitsgruppen ins Leben gerufen werden müssen. Selbstverständlich darf sich direkt eine Gruppe finden, die Lust und Energie hat ein Thema direkt im Anschluss weiterzuverfolgen, aber es ist explizit kein „muss“.

Ganz im Gegenteil, alle diejenigen, die schön öfter auf Barcamps waren, kennen dieses beschwingte Gefühl und diesen energiegeladenen Zustand, der dann vom Alltag oft ganz schnell wieder ausgebremst wird. Und manchmal ist es einfach auch gut, wenn Ideen nicht verfolgt werden müssen und ein Thema auch ganz schnell wieder an Relevanz verlieren darf.

Deshalb habe ich den Kollegien mit auf den Weg gegeben, diese Sammlung erst zur nächsten Besprechung oder Konferenz wieder herauszuholen und dann mit Abstand erneut darauf zu schauen. Verbunden mit der Fragestellung „Welche Themen sind weiterhin wichtig?“ „Wer möchte daran weiterarbeiten?“, finden sich dann genau die Themen, die zu diesem Zeitpunkt bedeutsam sind und für welche im System auch Energie vorhanden ist. Gerade in Zeiten von Corona finde ich das noch wichtiger und wertvoller. Im agilen Arbeiten wird an dieser Stelle gerne von „pull“ statt „push“ gesprochen, d. h. man zieht sich ein Thema/ein Kärtchen, an dem man weiterarbeiten möchte.

Manchmal bleiben dann von einer großen Sammlung ein oder zwei Themen übrig. Das ist meines Erachtens jedoch völlig ausreichend, um genau das zu finden und genau diejenigen zu finden, die dann dieses Thema weiter voranbringen, vielleicht einen Prototypen entwickeln und diesen in die Erprobung zu bringen.

Zum letzten Impuls braucht es, glaube ich, keine weitere Erklärung. – Wer es an dieser Stelle gerne ausführlicher und differenzierter hätte, kann die Werkstatt auch mit folgenden Impulsen beenden: „Das war gut und wertvoll …“ „Das war (noch) nicht gut…“ „Folgende Idee hätte ich dazu…“

Passend zur „Werkstattidee“ habe ich auch noch ein paar neue Vorlagen gezeichnet, die ich hier ebenfalls gerne teile.

Viel Spaß damit!

PS: Eine Dokumentationsvorlage und weitere Materialien hatte ich schon vor einiger Zeit veröffentlicht. Sie können natürlich auch weiter genutzt werde! Sie finden sich unter Barcampmaterialien.

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